Warum zahlen Millionen Menschen freiwillig eine Versicherungsprämie, die im Schnitt höher ist als der erwartete Schaden? Hier lernst du, Entscheidungen unter Risiko sauber zu bewerten, von Erwartungswert und Erwartungsnutzen über die Risikoeinstellung bis zu Sicherheitsäquivalent und Risikoprämie. Ein klarer Rechenweg für einen klausurtypischen Aufgabentyp.
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Stell dir vor, du hast dir für 2.500 € ein E-Bike gekauft. Mit etwas Pech wird es geklaut, dann ist das Geld weg. Eine Versicherung bietet dir an: Zahl eine feste Prämie, und im Schadensfall bekommst du den Wert ersetzt. Die Prämie ist bewusst so kalkuliert, dass die Versicherung im Schnitt mehr einnimmt, als sie auszahlt. Trotzdem schließen Millionen Menschen genau solche Verträge ab, freiwillig.
Dasselbe Muster steckt in einer Lotterie, einem Aktieninvestment oder der Frage, ob du dich in der Klausur an die sichere Standardaufgabe oder das riskante Bonusthema wagst. In diesem Kapitel bekommst du das Werkzeug, mit dem sich solche Entscheidungen unter Risiko sauber und rechnerisch bewerten lassen.
Kurz erklärt, „Neugier-Fragen“: kleine Fragen, die du dir selbst stellst, um aktiv mitzudenken, nicht zum Googeln, sondern zum inneren Beantworten, während die Lektion läuft. So funktioniert's, an einer Frage einmal vorgemacht (Frage, dann Denk-Schritt, dann Antwort, die du gleich prüfst):
Wir gehen den Fahrplan Schritt für Schritt an einem einzigen durchgerechneten Beispiel entlang, so siehst du, wie die Bausteine ineinandergreifen.
Bei einer Entscheidung unter Risiko kennst du die möglichen Ergebnisse und ihre Wahrscheinlichkeiten, aber nicht das tatsächliche Ergebnis. Zwei Kennzahlen fassen so eine Lotterie zusammen. Der ErwartungswertE(X) = Σ pᵢ·xᵢ: die mit den Wahrscheinlichkeiten gewichtete Summe der Auszahlungen, der im Schnitt erwartete Euro-Betrag. E(X) mittelt die Auszahlungen, der ErwartungsnutzenE(U) = Σ pᵢ·u(xᵢ): erst jede Auszahlung in Nutzen u(xᵢ) übersetzen, dann mit den Wahrscheinlichkeiten gewichten. E(U) mittelt dagegen den Nutzen der Auszahlungen:
E(X) = Σ pᵢ · xᵢ E(U) = Σ pᵢ · u(xᵢ)
Der Unterschied ist der entscheidende Denkschritt des ganzen Kapitels: Menschen entscheiden nach dem erwarteten Nutzen, nicht nach dem erwarteten Geldbetrag. Die Nutzenfunktionu(x) ordnet jedem Vermögen x einen Nutzenwert zu. Ihre Krümmung bestimmt die Risikoeinstellung. Typisches Beispiel: u(x) = √x. u(x) macht diesen Zusammenhang messbar, ihre Krümmung verrät die Risikoeinstellung.
Vergleiche den Nutzen des sicheren Erwartungswerts, U(E(X)), mit dem Erwartungsnutzen der Lotterie, E(U). Aus dem Vergleich folgt direkt die RisikoaversionRisikoscheu: die Person bevorzugt den sicheren Erwartungswert gegenüber der gleichwertigen Lotterie. Kennzeichen: konkave Nutzenfunktion, U(E(X)) > E(U). oder die jeweilige Gegenrichtung:
Wie viel ist die Lotterie einer Person in sicherem Geld wert? Das beantwortet das SicherheitsäquivalentSÄ: der sichere Betrag, dessen Nutzen genau dem Erwartungsnutzen entspricht: u(SÄ) = E(U), also SÄ = u⁻¹(E(U)). SÄ, der sichere Betrag mit demselben Nutzen wie die Lotterie. Man setzt den Nutzen des SÄ gleich E(U) und löst auf:
u(SÄ) = E(U) ⟹ SÄ = u⁻¹(E(U))
Die Differenz zwischen dem erwarteten Geldbetrag und diesem sicheren Gegenwert ist die RisikoprämieRP = E(X) − SÄ. Bei Risikoaversion positiv: so viel erwarteten Wert gibt man auf, um das Risiko loszuwerden. RP, der Preis, den eine risikoaverse Person für Sicherheit zu zahlen bereit ist:
RP = E(X) − SÄ
Praktisch: Eine positive affine Transformationv(x) = a·u(x) + b mit a > 0 beschreibt dieselben Präferenzen. SÄ und RP bleiben unverändert, die Risikoeinstellung ist invariant. der Nutzenfunktion (v = a·u + b, a > 0) verändert weder SÄ noch RP, nützlich, wenn eine Aufgabe die Nutzenfunktion umskaliert.
Jetzt der Klausur-Klassiker. Die faire PrämiePrämie ohne Risikoaufschlag: sie entspricht genau dem erwarteten Schaden E(S). Ein risikoneutraler Versicherer verlangt genau diesen Betrag. entspricht dem erwarteten SchadenE(S) = Σ pᵢ·Schadenᵢ: der im Mittel zu erwartende Verlust. Gleich der fairen Prämie. E(S). Eine risikoaverse Person würde jedoch sogar mehr zahlen, bis maximal zur Gesamtprämie:
Gesamtprämie = faire Prämie E(S) + Risikoprämie RP
Dein Vermögen beträgt 10.000 €. Mit Wahrscheinlichkeit 0,5 wird dein E-Bike (Wert 7.500 €) gestohlen, dein Vermögen sinkt dann auf 2.500 €. Deine Nutzenfunktion ist u(x) = √x (konkav, also risikoavers).
| Zustand | Vermögen x | u(x) = √x | Wahrscheinlichkeit p |
|---|---|---|---|
| Schaden | 2.500 € | 50 | 0,5 |
| kein Schaden | 10.000 € | 100 | 0,5 |
Schritt 1 · Erwartungswert & Erwartungsnutzen:
E(X) = 0,5 · 2.500 + 0,5 · 10.000 = 6.250 €
E(U) = 0,5 · √2.500 + 0,5 · √10.000 = 0,5 · 50 + 0,5 · 100 = 75
Schritt 2 · Sicherheitsäquivalent (nach u⁻¹ auflösen, hier quadrieren):
√SÄ = 75 ⟹ SÄ = 75² = 5.625 €
Schritt 3 · Risikoprämie:
RP = E(X) − SÄ = 6.250 − 5.625 = 625 €
Schritt 4 · Versicherung: Der erwartete Schaden (und damit die faire Prämie) ist E(S) = 0,5 · (10.000 − 2.500) = 3.750 €. Deine maximale Zahlungsbereitschaft für Vollversicherung ist die Gesamtprämie:
Gesamtprämie = 3.750 + 625 = 4.375 € = 10.000 − SÄ
Lies die Kernaussage ab: Du zahlst freiwillig bis zu 625 € über dem fairen Wert, genau das ist deine Risikoaversion in Euro.
Die Grafik zeigt denselben Sachverhalt geometrisch: Die konkave Kurve liegt über ihrer Sehne, deshalb liegt das Sicherheitsäquivalent links vom Erwartungswert, der Abstand ist die Risikoprämie.
Start wie im Lehrbeispiel: Vermögen 10.000 €, bei Diebstahl bleiben 2.500 €, Nutzen u(x) = √x. Schieb die Diebstahlwahrscheinlichkeit p und beobachte, wie weit Erwartungswert und Sicherheitsäquivalent auseinanderlaufen. Genau diese Lücke ist die Risikoprämie.
Nein. Die Nutzenfunktion wird in der Regel vorgegeben (oft u(x) = √x oder eine Potenzfunktion). Deine Aufgabe ist meist, damit E(U), das Sicherheitsäquivalent und die Risikoprämie zu berechnen und die Risikoeinstellung zu benennen.
Nur bei Risikoaversion (konkave Nutzenfunktion). Bei Risikoneutralität ist sie meist null, bei Risikofreude (konvexe Funktion) in der Regel negativ. Das Vorzeichen der RP ist also ein schneller Test für die Risikoeinstellung.
Über die Krümmung bzw. den Vergleich von U(E(X)) mit E(U): konkav und U(E(X)) > E(U) bedeutet risikoavers, linear und Gleichheit bedeutet risikoneutral, konvex und U(E(X)) < E(U) bedeutet risikofreudig. Meist genügt schon der Blick auf die Nutzenfunktion.
Die faire Prämie deckt nur den erwarteten Schaden. Reale Versicherer schlagen Verwaltungskosten und Gewinn auf. Ökonomisch spannend ist die Obergrenze: Eine risikoaverse Person zahlt oft bis zur Gesamtprämie (faire Prämie plus Risikoprämie), also mehr als fair, und trotzdem lohnt es sich für sie.
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