Wie wahrscheinlich ist das wirklich? Hier lernst du, mit Wahrscheinlichkeiten sauber zu rechnen – von Laplace und den Ereignisoperationen über die bedingte Wahrscheinlichkeit bis zum Satz von Bayes und der Vierfeldertafel. Ein klarer Rechenweg für einen klausurtypischen Aufgabentyp.
Deine Klausurvorbereitung an der Goethe-Uni – seit 1999, passgenau zu deiner Vorlesung.
Ein Arzt sagt dir: Du hast einen Test auf eine seltene Krankheit gemacht – und er ist positiv. Der Test gilt als „sehr zuverlässig“. Wie sicher bist du jetzt wirklich krank? Die meisten schätzen „fast sicher“. Die überraschende Antwort: oft nur rund ein Viertel. Der Grund steckt nicht im Test, sondern darin, wie selten die Krankheit von vornherein ist.
Genau dasselbe Muster steckt hinter Spamfiltern, Qualitätskontrollen und jedem Glücksspiel: Man muss Wahrscheinlichkeiten richtig verknüpfen. In diesem Kapitel bekommst du dafür das Werkzeug – von der einfachen Laplace-Formel bis zum Satz von Bayes, mit dem sich das Test-Rätsel oben in zwei Zeilen auflöst.
Kurz erklärt – „Neugier-Fragen": kleine Fragen, die du dir selbst stellst, um aktiv mitzudenken – nicht zum Googeln, sondern zum inneren Beantworten, während die Lektion läuft. So funktioniert's – an einer Frage einmal vorgemacht (Frage → Denk-Schritt → Antwort, die du gleich prüfst):
Wir gehen den Fahrplan Schritt für Schritt entlang und lösen am Ende an einem einzigen durchgerechneten Beispiel das Test-Rätsel aus dem Einstieg – so siehst du, wie die Bausteine ineinandergreifen.
Ein Zufallsvorgang hat mehrere mögliche Ergebnisse; die Menge aller Ergebnisse ist der ErgebnisraumΩ (Omega): die Menge aller möglichen Ergebnisse eines Zufallsvorgangs. Beim Würfel Ω = {1, 2, 3, 4, 5, 6}. Es gilt stets P(Ω) = 1. Ω. Ein Ereignis A ist eine Teilmenge davon – z. B. beim Würfel A = „gerade Augenzahl“ = {2, 4, 6}. Sind alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich, greift die Laplace-WahrscheinlichkeitP(A) = Anzahl der für A günstigen Ergebnisse / Anzahl aller möglichen Ergebnisse. Setzt gleich wahrscheinliche Ergebnisse voraus (fairer Würfel, faire Münze).:
P(A) = günstige Ergebnisse / mögliche Ergebnisse = |A| / |Ω|
Beispiel Würfel: P(gerade) = 3/6 = 1/2. Jede Wahrscheinlichkeit liegt zwischen 0 (unmögliches Ereignis) und 1 (sicheres Ereignis, P(Ω) = 1). Beim mehrstufigen Vorgang gilt die Merkregel: „UND“ heißt multiplizieren, „ODER“ heißt addieren – dazu gleich mehr.
Aus zwei Ereignissen A und B bildet man neue. Das Venn-Diagramm macht sie anschaulich: der Schnitt A∩B („A und B“), die Vereinigung A∪B („A oder B oder beides“) und das KomplementĀ („nicht A“) = Gegenereignis. Es gilt P(Ā) = 1 − P(A), denn A und Ā füllen zusammen den ganzen Ergebnisraum. Ā. Für die Vereinigung gilt der AdditionssatzP(A∪B) = P(A) + P(B) − P(A∩B). Der Schnitt wird abgezogen, weil er sonst doppelt gezählt würde.:
P(A∪B) = P(A) + P(B) − P(A∩B) P(Ā) = 1 − P(A)
Zwei weitere nützliche Bausteine: die Differenz P(A\B) = P(A) − P(A∩B) („A ohne B“) und die Regeln von De Morgan„Weder A noch B“: P(Ā∩B̄) = 1 − P(A∪B). „Nicht beide gleichzeitig“: P(Ā∪B̄) = 1 − P(A∩B)., mit denen sich „weder noch“ sauber umformen lässt: P(Ā∩B̄) = 1 − P(A∪B).
Oft weiß man schon, dass ein Ereignis B eingetreten ist, und fragt nach A unter dieser Bedingung. Das ist die bedingte WahrscheinlichkeitP(A|B) = P(A∩B) / P(B): die Wahrscheinlichkeit von A, wenn bekannt ist, dass B eingetreten ist. Der Ergebnisraum „schrumpft“ auf B. P(A|B). Stellt man diese Formel um, erhält man den MultiplikationssatzP(A∩B) = P(A|B)·P(B) = P(B|A)·P(A). Gilt immer – auch bei abhängigen Ereignissen.:
P(A|B) = P(A∩B) / P(B) P(A∩B) = P(A|B) · P(B) = P(B|A) · P(A)
Wichtig: P(A|B) und P(B|A) sind im Allgemeinen verschieden – gleicher Zähler P(A∩B), aber verschiedene Nenner. Ein Sonderfall ist die stochastische UnabhängigkeitA und B sind unabhängig, wenn P(A|B) = P(A), gleichbedeutend mit P(A∩B) = P(A)·P(B). Achtung: „unabhängig" ist NICHT dasselbe wie „schließt sich aus".: Weiß man über A nichts Neues, wenn B eingetreten ist, dann gilt der einfache Produktsatz P(A∩B) = P(A) · P(B).
Zerlegt man den Ergebnisraum in disjunkte Fälle A₁, A₂, …, liefert der Satz der totalen WahrscheinlichkeitP(B) = Σ P(B|Aᵢ)·P(Aᵢ): die Gesamtwahrscheinlichkeit von B als gewichtete Summe über alle Fälle Aᵢ. die Gesamtwahrscheinlichkeit eines Ereignisses B. Dreht man die Bedingung um – von P(B|A) zu P(A|B) –, hilft der Satz von BayesP(A|B) = P(B|A)·P(A) / P(B). Rechnet von der bekannten Richtung P(B|A) auf die gesuchte P(A|B) zurück.:
P(B) = Σ P(B|Aᵢ) · P(Aᵢ) P(A|B) = P(B|A) · P(A) / P(B)
Bei genau zwei Fällen (A und Ā) lässt sich alles bequem in einer Vierfeldertafel anordnen: die vier gemeinsamen Wahrscheinlichkeiten P(A∩B), P(A∩B̄), P(Ā∩B), P(Ā∩B̄) im Inneren, die Randsummen außen. Genau das nutzen wir jetzt.
Eine Krankheit tritt bei 2 % der Bevölkerung auf: P(K) = 0,02. Ein Test erkennt Kranke mit Wahrscheinlichkeit 0,90 (Sensitivität P(T|K) = 0,90). Bei Gesunden schlägt er fälschlich mit 0,05 an (P(T|K̄) = 0,05). Gesucht: Wie wahrscheinlich ist man wirklich krank, wenn der Test positiv ist – also P(K|T)?
Schritt 1 – Vierfeldertafel füllen (gemeinsame Wahrscheinlichkeiten über den Multiplikationssatz P(K∩T) = P(T|K)·P(K), Rest analog; P(K̄) = 0,98):
| Test + (T) | Test − (T̄) | Rand | |
|---|---|---|---|
| krank (K) | 0,018 | 0,002 | 0,020 |
| gesund (K̄) | 0,049 | 0,931 | 0,980 |
| Rand | 0,067 | 0,933 | 1,000 |
Schritt 2 – totale Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests (Randsumme der Spalte T):
P(T) = P(T|K)·P(K) + P(T|K̄)·P(K̄) = 0,90·0,02 + 0,05·0,98 = 0,018 + 0,049 = 0,067
Schritt 3 – Satz von Bayes:
P(K|T) = P(K∩T) / P(T) = 0,018 / 0,067 ≈ 0,2687 (26,87 %)
Lies die Kernaussage ab: Trotz positivem Test ist man mit rund 73 % gesund. Der positive Test hebt die Wahrscheinlichkeit zwar von 2 % auf knapp 27 % – aber die niedrige Basisrate lässt sie klein bleiben. Genau das ist die Bayes-Pointe aus dem Einstieg.
Das Baumdiagramm zeigt denselben Sachverhalt: Die zwei Äste mit positivem Test (grün markiert) führen zu den Wahrscheinlichkeiten 0,018 (krank) und 0,049 (gesund). Ihre Summe ist P(T) = 0,067; der Anteil des krank-Astes daran ist der gesuchte Bayes-Wert.
Nur wenn A und B stochastisch unabhängig sind. Im Allgemeinen gilt stattdessen der Multiplikationssatz P(A∩B) = P(A|B)·P(B). Die kurze Produktform ist also ein Sonderfall – prüfe in der Klausur meist zuerst, ob Unabhängigkeit wirklich gegeben ist.
Ja, sehr. Beide haben denselben Zähler P(A∩B), aber verschiedene Nenner (P(B) bzw. P(A)) und sind daher in der Regel verschieden. Das Vertauschen dieser beiden ist einer der häufigsten Klausurfehler – der Satz von Bayes ist genau das Werkzeug, um sauber von der einen auf die andere Richtung umzurechnen.
Nicht zwingend, aber bei zwei Ereignissen ist sie meist der sicherste Weg: Du trägst die gemeinsamen Wahrscheinlichkeiten ein, die Ränder ergeben sich durch Zeilen- und Spaltensummen, und bedingte Wahrscheinlichkeiten liest du direkt als Anteil ab. Gerade unter Zeitdruck vermeidet die Tafel viele Flüchtigkeitsfehler.
Nein, das wird oft verwechselt. Disjunkt (unvereinbar) heißt P(A∩B) = 0 – die Ereignisse können nicht zusammen eintreten. Unabhängig heißt P(A∩B) = P(A)·P(B). Zwei Ereignisse mit positiver Wahrscheinlichkeit, die disjunkt sind, sind sogar immer abhängig, weil das Eintreten des einen das andere ausschließt.
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